Atomic City: Las Vegas’ tödliche Besessenheit für Atombomben

Startseite


Las Vegas ist heute meistens als Sin City bekannt, was mit der Fülle der Casinos und Unterhaltungsangebote zusammenhängt. Tatsächlich war Las Vegas vor sechzig Jahren jedoch als Atomic City USA bekannt, und zwar wegen seiner tödlichen Besessenheit für Atombomben. In der schlimmsten Phase des Kalten Kriegs führten die Atomversuche der Vereinigten Staaten zu einer ganz speziellen Form des Tourismus, die hier ihren Höhepunkt fand, dem Atom-Tourismus.

Vegas Atomzeitalter

In den 1950er Jahren wurde Vegas zu einem riesigen Touristenziel für alle Menschen, die die Detonation von Atombomben anschauen und feiern wollten. Casinos veranstalteten verschwenderische Partys und erfanden spezielle Cocktails zum Thema Bombe, während die Frauen an Schönheitswettbewerben teilnahmen, die von der Atombombe inspiriert wurden.

Es ist schwierig zu glauben, dass Las Vegas so eng mit einer extrem gefährlichen Angelegenheit verbunden ist. Die Wahrheit ist, dass es dadurch zu einem Anstieg der örtlichen Wirtschaft und Bevölkerung kam. Der Touristenboom verhalf Vegas zu seinem heutigen Status als Spielerparadies, was im Januar 1951 begann. Und ausserdem war Vegas schon immer für schräge Dinge bekannt, wie z.B. ein Casino im Gefängnis.


Das Nevada Testgelände und die Las Vegas Handelskammer

Am 21. Januar 1951 ließ ein US B-50 Kampfflieger die erste scharfe Atombombe auf dem Nevada Testgelände fallen, einer ausgedehnten Wüste eineinhalb Stunden Fahrzeit von Las Vegas entfernt. Die Atombombe mit dem Codenamen Able war die erste von zahlreichen Atombombentests des US Energieministeriums. Der Blitz der Bombe war von San Francisco zu sehen, also von einer Entfernung von über 400 Meilen. Die Kraft dieser ersten Testbombe war stärker als diejenige der Bomben von Hiroshima und Nagasaki zusammen.

Die Las Vegas Handelskammer entschloss sich dazu, diese Tests zu feiern, indem das gesamte Gebiet als Touristenattraktion erklärt wurde. Diese Attraktion bestand bis 1963, obwohl der radioaktive Niederschlag zu den vorrangigen Auslösern für Krebs und andere Erkrankungen zählt. Damals allerdings wurde den Menschen empfohlen, einfach zu duschen.

Vegas Atomzeitalter

In den 1950ern kam es alle drei Wochen zu Detonationen. Obwohl die Tests allmählich den Tierbestand und und die Ernte in Utah, Nevada und Arizona vergifteten, machte die Las Vegas Handelskammer Werbung für die Tests, die zu einer Art Unterhaltung wurden und entsprechend viele Menschen anzogen. Es wurde sogar ein Kalender mit den detaillierten Zeitangaben der Explosionen herausgegeben, einschließlich der Aussichtspunkte. Im Laufe der Zeit entschlossen sich auch die Casinos in Las Vegas dazu, Kapital aus den Atomtests zu schlagen. Sie planten besondere Partys für Touristen, um die Explosionen zu beobachten und zu feiern. So kam Vegas zu dem Spitznamen Atomic City, USA.


Atomic City

Die Menschen kamen aus ganz Amerika, um Vegas zu besuchen und die Detonationen zu sehen. In dieser Zeit wuchs die Bevölkerung der Stadt wegen der neuen Berühmtheit auf mehr als das Doppelte an. Casinos wie Binion’s Horseshoe und das Desert Inn machten Werbung mit ihren Zimmern, die eine Aussicht zu den Atomtests hatten. Außerdem veranstalteten sie "Dawn Bomb" Partys, bei denen die Gäste gemeinsam das Spektakel feierten.

Die meisten Partys begannen um Mitternacht und die Musiker spielten bis um 4 Uhr morgens. Dann gab es eine Pause, in der die Besucher in Ruhe den Blitz und die pilzförmige Wolke über dem Nevada Übungsgelände beobachteten. Viele Casinos hatten bei diesen Partys Atom-Cocktails im Angebot, eine Mischung aus Wodka, Cognac, Sherry und Champagner. Außerdem trugen viele Frauen atomare Frisuren. Oft traten berühmte Sänger und Musiker bei den Partys auf. Selbst Elvis Presley trat in den Casinos auf, obwohl er damals noch nicht so berühmt war.

Immer mehr Touristen, die sich nicht für die Casinos interessierten, fuhren mit der Familie oder mit Freunden in die Wüste und nahmen ihr Essen in "atomaren Brotdosen" mit, um die Explosionen zu sehen. Gleichzeitig ging es mit den Feierlichkeiten für die Atombombe weiter, unter anderem durch Schönheitswettbewerbe in Kleidung, die von dem nuklearen Thema inspiriert waren. Zahlreiche Frauen wurden zur Miss Atomic gekürt.


Die Miss Atomics

Zum Höhepunkt des Touristenbooms in Vegas kombinierte die Stadt zwei ihrer größten Attraktionen: Atombomben und Showgirls. Die Miss Atomic Bomb ist wohl die berühmteste und so gab es vier Frauen, die in den 1950er Jahren zur Miss Atomic gewählt wurden. Die Erste aus dem Jahr 1952 war Candyce King, Tänzerin und Showgirl. Sie nannte sich Miss Atomic Blast. Ihr Foto erschien in den Zeitungen des ganzen Landes, mit einer Titelzeile, die sie als "strahlende Schönheit trotz tödlich nuklearer Teilchen" beschrieb. 1953 erklärte die Stadt North Las Vegas Paula Harris als Miss North Las Vegas und verlieh ihr den Spitznamen Miss A-Bomb.

1955 wurde die Operation Cue, eine Serie aus 14 Atomtests, wegen starkem Wind mehrfach verschoben und erhielt deshalb den Spitznamen Operation Mis-Cue. Im gleichen Jahr wurde Linda Lawson als Miss Cue gekrönt, um eine besonders Art der Fehlzündung der Operation darzustellen.

Die berühmteste und letzte Miss Atomic war Lee A. Merlin, die ihre Krone als Miss Atomic Bomb erhielt. Auf dem Foto trägt sie eine Pilzwolke aus Baumwolle auf ihrem Badeanzug. Da es keinen offiziellen Schönheitswettbewerb für ihren Titel gab, fragten sich sicherlich viele Menschen, warum Merlin so berühmt wurde. Inzwischen geht man davon aus, dass Merlin gestorben ist, doch es ranken sich einige Geheimnisse um ihr Leben. Es konnte nichts über ihr Leben herausgefunden werden, obwohl viele nach Informationen gesucht und die Familienmitglieder befragt haben.

Ab 1954 kamen jährlich fast acht Millionen Menschen nach Las Vegas, um die Detonationen zu bezeugen. Als Vegas erstmals mit der Werbung für das Spektakel begann, lag die Bevölkerungszahl bei 24.624. 1970, sieben Jahre nachdem die Detonationen als unterhaltsame Attraktion aufgehört hatten, war die Bevölkerungszahl auf kolossale 125.000 angestiegen.

Doch warum hatten die Menschen aufgehört, die Explosionen zu zelebrieren?


Das begrenzte Versuchsverbot von 1963

Die nuklearen Feiern wurden bis 1963 fortgeführt. Dann unterzeichneten die USA den begrenzten Teststopp-Vertrag kurz nach der Kubakrise, was die überirdischen Nukleartests beendete. Als die Explosionen ausblieben, hörten auch die Atom-Partys in Vegas auf. Trotzdem hatte die Stadt sich bereits als beliebtes Touristenziel etabliert und würde bald zu dem Spielerparadies werden, als das es heute bekannt ist.

Der Vertrag brachte die Tests nicht komplett zum Stillstand, doch sie wurden auf eine unterirdische Basis verlegt. Tatsächlich führten die USA noch bis 1992 Nukleartests durch, bis der übergreifende Atomteststopp-Vertrag durchgesetzt wurde. Der Schaden war jedoch längst ausgelöst, sodass Tiere und Menschen die Nachwirkungen der Tests zu spüren bekamen.


Die Nachwirkungen der Atombomben von Nevada

Neue Forschungen haben gezeigt, dass der nukleare Niederschlag der Atomtests verantwortlich für den Tod von 340.000 bis 690.000 US-Amerikanern zwischen 1951 und 1973 ist. Während die Atombomben Hunderte und Tausende von Touristen pro Woche anzogen, gab es in den Testbereichen auch ein großes Angebot an Arbeitsplätzen.

Rund 100.000 Männer und Frauen wurden für die Arbeiten in der Testzone eingestellt, doch der Aufenthalt in direkter Nähe zu den Bomben hatte negative Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Die Soldaten, die auf dem Gelände arbeiteten, hatten ein deutlich höheres Krebsrisiko und auch die Gefahr von Deformationen bei ihren Kindern stieg an. Die Gefahr eines Todes wegen Leukämie stieg auf 14 %, wegen Prostatakrebs auf 20 % und wegen Nasenkrebs auf über 20 %, verglichen mit Soldaten, die nicht in dem Testgebiet arbeiteten.

Es waren nicht nur die Soldaten auf dem Testgelände, die von dem nuklearen Niederschlag betroffen waren und erkrankten. Auch der Viehbestand und die Einwohner von Nevada, Utah und Arizona litten unter den Atomtests Schaden.


Die Downwinders

Einerseits behauptete die US Regierung, dass der nukleare Niederschlag harmlos sei, andererseits wurde sichergestellt, die Atomtests nur bei östlicher oder nordöstlicher Windrichtung durchgeführt wurden. Damit sollte der Niederschlag über dicht besiedelten Regionen wie Las Vegas und Südkalifornien verhindert werden. Der nukleare Niederschlag erstreckte sich über den Norden Nevadas und die Staaten Utah und Arizona. Drei bis fünf Jahre nach den ersten Atomexplosionen kam es in der regionalen Bevölkerung zu einem Anstieg von Leukämie und anderen nuklear verursachten Krebserkrankungen.

Bei Forschungen entdeckte man in Gemeinden, in denen zuvor nur wenige Erkrankungen bekannt waren, Anhäufungen von neuen Leukämie-Fällen zwischen den späten 1950ern und frühen 1960ern. Diejenigen, die von dem nuklearen Niederschlag betroffen waren, wurden als "Downwinders" bezeichnet, da sie "downwind", also in Windrichtung der Explosionen lebten. Im weiteren Zeitverlauf erkrankten immer mehr Menschen in den betroffenen Gebieten an Krebs und Schilddrüsenerkrankungen. Viele mussten zusehen, wie ihre Freunde vorzeitig durch die Atomtests von Nevada starben.

Eine weitere Studie zeigte auf, dass sich die tödliche Wirkung der Radioaktivität durch Kuhmilch ausbreitete. In den 1950er Jahren waren die Kühe der Nuklearstrahlung ausgesetzt und ihre Milch wurde kontaminiert, sodass sich die nukleare Bedrohung auf alle Menschen in den USA ausweitete.


Das Iron County

Der Viehbestand und die Bevölkerung im Iron County, Utah, galten als die ersten Betroffenen der atomaren Nachwirkungen. Zwischen 18.000 und 20.000 Schafe, die durch Nevada nach Cedar City im Iron County transportiert wurden, waren in März und April 1953 einem hohen nuklearen Niederschlag ausgesetzt. Die Besitzer der Schafe Kern und McRae Bulloch stellten fest, dass die Tiere unter Verbrennungen auf den Lippen und Gesichtern litten, da sie radioaktives Gras gefressen hatten. Erwachsene Schafe hatten Blasen am ganzen Körper. Nur wenig später hatten zahlreiche Mutterschafe Fehlgeburten, die jungen Lämmer wurden mit Deformierungen geboren oder waren so schwach, dass sie nicht großgezogen werden konnten.

Die Rancher im Iron County verloren etwa ein Drittel ihrer Herden und hatten zusammen mit den Tiermedizinern den Verdacht auf radioaktive Verseuchung. Die atomare Energiekommission (Atomic Energy Commission, AEC) schickte den Landwirtschaftsvertreter Steven Brower mit einem Geigerzähler, einem kleinen Strahlungsmessgerät. Bei den Ställen der Schafe gab Brower an, dass die Nadel des Messgeräts stark anschlug. Im Juni 1953 schickte die AEC ein Team von Radiationsexperten nach Cedar City, um die kranken Tiere zu untersuchen, doch ihre Kadaver waren bereits zerstört worden.

Die AEC befahl ihren Wissenschaftlern daraufhin, die Berichte neu zu schreiben und alle Bezüge zu radioaktiven Schäden und den Effekten zu entfernen.

Die Rancher im Iron County verloren eine Viertelmillion Dollar durch die große Anzahl der toten Schafe. Sie wurden darüber informiert, dass die AEC die Angelegenheit nicht vor Gericht bringen würde, da die Gesellschaft haftbar und verantwortlich für Zahlungen für radioaktiven Schaden entweder an Tieren oder Menschen sei.


Die Rechtsklagen

Zwischen 1955 und 1956 kam es durch Iron County Einwohner zu fünf Klagen gegen die US Regierung. Die Kläger behaupteten, dass die Nukleartests von 1953 ihre Herden geschädigt hätten. Der Rechtsanwalt der Rancher, Dan Bushnell, glaubte daran, dass die Wahrheit gewinnen würde, doch er irrte sich. Der erste Fall, Bulloch gegen die Vereinigten Staaten, begann im September 1956. Technische Daten aus Regierungsstudien und Zeugenaussagen zu den radioaktiven Schäden, die bei der AEC vorlagen, wurden nicht aufgeführt. So fiel es schwer, zu bezeugen, dass die Schafe aufgrund von radioaktiver Verseuchung gestorben waren und nicht aus einem anderen Grund.

Dan Bushnell versuchte, den Richter Sherman Christensen zu überzeugen, dass die Regierung den durch die Nukleartests verursachten Schaden verbergen wollte. Doch der Richter Christensen befand, dass die Regierung lediglich nachlässig bei der Aufzeichnung der Tests gewesen war. 1979 kam es zu einer Neuaufnahme des Falls durch den Richter Christensen, nachdem die parlamentarische Aufsicht Beweise für den AEC Betrug in der ursprünglichen Klage aufgedeckt hatte. Bushnell nahm an, dass die Gerechtigkeit endlich zu Wort kommen würde, doch das US Berufungsgericht lehnte die Befunde von Christensen ab.

Sie bezogen sich darauf, dass keine neue Beweislage präsentiert wurde, und sahen keinen Grund, die richterliche Entscheidung im Fall von 1956 zu überprüfen. Fast zehn Jahre später, im Jahr 1986, lehnte das Oberste Gericht ab, eine Beschwerde zur gerichtlichen Entscheidung anzuhören. Damit wurde jede Hoffnung der Iron County Einwohner zerstört, Schadenersatz von der US Regierung zu erhalten. Inzwischen waren bereits viele Rancher der älteren Generation gestorben oder lagen im Sterben. Nur zwei der früheren Familien aus dem Iron County arbeiteten noch in der Schafzucht, da die anderen aufgrund von großen finanziellen Verlusten aufgegeben hatten.


Das Vergütungsgesetz zur Strahlenbelastung

1990 erließ der Kongress das Vergütungsgesetz zur Strahlenbelastung. Darin wurden den von nuklearer Strahlung betroffenen Familien eine finanzielle Entschädigung und eine Entschuldigung angeboten. Die neue Gesetzgebung rief einen Treuhandfonds von 100 Millionen Dollar ins Leben, um Bürger zu entschädigen, die im Downwind-Bereich der Atomtests lebten. Das Gesetz wurde später verbessert. Die Begrenzung auf 100 Millionen US Doller entfiel, außerdem wurden auch die Arbeiter in den Uranminen und auf den Nevada Testgelände mit in die Entschädigung einbezogen. Laut der Berichts enthält das Gesetz die folgenden Regelungen:

  • 50.000 US Dollar für Einwohner oder Arbeiter im "Downwind" des Nevada Testgebiets
  • 75.000 US Dollar für Arbeiter in überirdischen Nuklearwaffentests
  • 100.000 US Dollar für Arbeiter in Uranminen, in der Uranverarbeitung und im Urantransport.

Allerdings gibt es zusätzliche Anforderungen, die erfüllt werden müssen, beispielsweise bestimmte gesundheitliche Befunde, die den Schaden von nuklearem Niederschlag nachweisen oder Beweise für die Beschäftigung auf dem Testgelände oder als Minenarbeiter. Bis April 2018 wurden 34.372 Klagen stattgegeben und der Gesamtwert der gezahlten Entschädigungen liegt bei 2.243.205.380 US Dollar.


Der Atom-Tourismus

Inzwischen gibt es aufgrund des übergreifenden Atomteststopp-Vertrags von 1992 keine Atompartys mehr, doch die Touristen können noch immer eine der populärsten Bars besuchen, in der diese Veranstaltungen stattfinden, und Atom-Cocktails trinken.

Atomic Liquors öffnete um 1945 in Las Vegas als Virginia’s Cafe. Als der Eigentümer Joe Sobchik bemerkte, wie sehr die Kunden seine Atom-Cocktails genossen, während sie die Explosionen vom Dach aus betrachteten, benannte er sein Lokal in Atomic Liquors um. Das Geschäft wird bis heute betrieben und ist als die älteste freistehende Bar von Las Vegas bekannt. Außerdem können Sie eine Tour buchen, um das Nevada Testgelände zu besuchen, einfach um einmal zu sehen, wie stark die Atomexplosionen waren. Bei der Tour kommen Sie zum Sedan Krater, der durch eine der letzten Atombomben auf dem Testgelände entstand.

Die Detonation fand im Juli 1962 statt und war verantwortlich dafür, dass über 13 Millionen Menschen der Radioaktivität ausgesetzt wurden. Heute können Sie gefahrlos am Boden des Kraters entlanggehen, ohne Schutzkleidung zu tragen.